Aktuelles rund ums Museum.

Liebe Gäste, hier finden Sie aktuelle Informationen zu Ausstellungen, Öffnungszeiten und Ereignissen rund um das Museum. Ältere Ereignisse finden Sie evtl. unter "Presse" oder Sie kommen einfach im Museum zu den zkünftigen Öffnungszeiten vorbei.


Das Museumscafé wird wieder im März 2022 geöffnet, jeweils am 2. und 4. Sonntag im Monat von 14 - 18 Uhr.

Der Vorstand des HGV- Bischofsheim

 

Aufgaben und Ziele heimatkundlicher Forschungen

Festvortrag zum 25-jährigen Jubiläum des Museums Bischofsheims

Von Professor Dr. Wolfgang Schneider

 

„Die Arbeit an der Heimat und für die Heimat ist nicht Sache des Verstandes, sondern des Gemütes“, schreibt Diplom-Ingenieur Heinrich Lanius in der Einladung zur Gründungsversammlung des Heimat- und Geschichtsvereins am 11. Januar 1950. Es gelte, die Ausprägungen der Kultur zu dokumentieren, eine Kultur, die sich im äußeren Leben zeige, „im Bau und der Anlage der Wohnungen, im Handwerk innerhalb der Dorfgemeinschaft, in der bäuerlichen Kunst, sie äußerte sich in Sitte und Brauch, im Lied, in den Sprichwörtern und Redensarten, in der Überlieferung, die von Mund zu Mund weitergegeben wurde“. Zusammen mit dem evangelischen Pfarrer Dr. Heinrich Steitz wurde damals ein „Gesamtplan“ formuliert, in der „die Schaffung eines Heimatmuseums“ eine wichtige Rolle spielte.

 

Die heimatkundlichen Sammlungen des Heimat- und Geschichtsverein waren viele Jahrzehnte eher heimatlos, wanderten von Schule zu Schule, und fanden schließlich 1997 hier im Alten Rathaus ihren festen Standort. Die Verantwortlichen entschieden sich damals, jenem von Grund auf saniertem Gebäude den Namen „Museum Bischofsheim“ zu geben. Sie entschieden sich gegen den Begriff „Heimatmuseum“. Und deshalb lassen Sie mich zu Anfang kurz über die Begrifflichkeit Heimat nachdenken, die doch – siehe obiges Zitat – ganz im Anfang des HGV in Vereinsnamen und Konzeptionsbeschreibung eine so große Rolle spielte. Zumal die „Bibel“ der hiesigen Heimatforschungen, Georg Mangolds Schrift aus dem Jahre 1929, den Titel trug: „Bischofsheim. Ein geschichtliches Heimatbuch“.

 

Heimat als Kategorie kultureller Identität

 

Heimat – der Begriff war lange Zeit zu Recht verpönt. Die Faschisten benutzten ihn einst für ihre Blut- und Bodenideologie, die neuen Nationalisten positionieren sich damit in rassistischer Abgrenzung vom Fremden. Heimat-Filme und Heimat-Romane wollten heile Welt vorgaukeln. Heimat-Museen haben ein eher verstaubtes Image, Heimat-Kunde wurde wegen der allzu einseitigen Orientierung an Landidylle im schulischen Curriculum zumindest in der alten Bundesrepublik durch den Sachunterricht abgelöst. Im Grunde genommen ist Heimat aber eine durchaus wichtige Kategorie kultureller Identität, oder wie die Soziologie formuliert: Heimat ist Lebensmöglichkeit. Der Volkskundler Hermann Bausinger hat es konkretisiert: Heimat sei da, wo man Sicherheit und Verlässlichkeit erfahren darf. Und ist es nicht das, was wirklich zählt, was wir alle anstreben, was uns antreibt, ein gelingendes Leben zu gestalten?

 

In Zeiten von Migration und Integration ist es von besonderer Relevanz, Heimat zu thematisieren, und zwar dort, wo man sich zu Hause fühlt, wo man Heimat empfinden kann. Es geht um die Beziehungen der Menschen in ihrer Umwelt und ihren Alltag, es geht um beste Bedingungen für die Entwicklung von Sozialisation, Identität und Mentalität, es geht um Beheimatung, um die Bildung sozialer Zugehörigkeit, letztlich um eine neue Form der Heimat-Pflege.

 

Ja, ich bin da mittlerweile weniger dogmatisch im Umgang mit dem Begriff, ich behaupte einfach, Heimat bedarf der Interpretation, der Auseinandersetzung und immer wieder der Definition in einer Demokratie, die Respekt und Toleranz pflegt, die kulturelle Vielfalt ermöglicht, die viele Heimaten zulässt. Nein, ich möchte heute bei diesem Jubiläum nicht für eine Umbenennung des Museums plädieren! Mich bewegt viel mehr, was in einem solchen Museum seine Heimat gefunden hat und vor allem zukünftig finden sollte. Nicht das, was draufsteht, ist mir wichtig, das, was drin ist und drin sein sollte, das gilt es zu bedenken. Und in besonderer Weise, wie es kontextualisiert, wie es präsentiert und vermittelt wird.

 

Heimatforschungen zu Straßennamen, zur Musikkultur und Kunst am Bau

 

Angeregt durch ein Angebot Kolumnen über Bischofsheim zu schreiben, hat das dazu geführt, dass ich mich auch mit Heimatforschungen beschäftigt habe. „Im Namen der Straße“ hieß eine Serie mit Beiträgen; denn in Straßennamen drückt sich auch die Geisteshaltung einer Zeit aus. Sie sagen etwas darüber aus, womit sich die Menschen vor Ort identifizieren können; mit virtuosen Musikern und populären Poeten, Dichtern und Denkern sowie genialen Erfindern; aber eben auch mit politischen Akteuren: große Sozialdemokraten, hiesige Bürgermeister und Autokraten wie Kanzler Bismarck oder Kaiser Wilhelm. Die Untersuchung war ein Gang durch die große und kleine Geschichte.

 

„Da wo man singt, da lass dich nieder“ lautete der Titel einer weiteren Tiefenbohrung in der lokalen Kulturlandschaft. Meine erste Erkenntnis: Bischofsheim ist wahrlich eine Musikgemeinde! Hier wird gesungen und musiziert, hier wird Musik in seiner Vielfalt gepflegt, von der Klassik über den Schlager hin zu Jazz, Rock und Techno. Eine weitere Auffälligkeit: Musik ist Mittel zum Zweck, sie wird nicht nur produziert, sondern vor allem rezipiert. Als Medium der Unterhaltung dient sie vor allem dem Wohlbefinden, sie wird gehört, andächtig in den Kirchen, sie ist im Akt des Singens kulturelle Ausdrucksform für Gefühle und Gemeinschaft und sie animiert zur Lebenslust beim Tanzen im Takt und als ausgelassene Bewegung des ganzen Körpers.

 

Und was war die Idee, in einer ersten Kolumne „Kunst am Bau“ zu untersuchen? Wie oft laufen wir durch die Welt, sehenden Auges und übersehen doch das Eine oder das Andere? Ein Blick auf das, was uns umgibt, kann dazu beitragen, auch Entdeckungen zu machen. Pädagogisch könnte man von kultureller Bildung in der Heimat sprechen. Denn selbst in Bischofsheim gibt es Kunst im öffentlichen Raum zu sehen, unter anderem einen Rehbock, zwei Pferde und drei auffliegende Störche; ein blaues Haus, eine Stahl-Lok und ein Wandgemälde; ein Relief, ein Fresko und ein Graffiti. Die Rückmeldungen zu den Kolumnen haben gezeigt, dass viele aufmerksam geworden sind und angeregt wurden, ihre unmittelbare Umwelt mit offenen Augen wahrzunehmen. Der HGV hat daraus den Bischofsheimer Kalender 2022 gestaltet, der immerhin eine Auflage von 500 Exemplare erzielt hat.

 

Heimat kann man also ganz unterschiedlich beforschen. Die Komplexität des Gegenstandes gilt es immer wieder neu zu durchforsten, zu durchleuchten und zu durchschauen. Es gibt viele Zugänge, vor allem gibt es reichlich Artefakte, die es wert sind, ausgestellt zu werden. Wir wissen, dass Bischofsheim eine Vor- und Frühgeschichte hat, Funde aus der Steinzeit, aus der Bronzezeit und aus der Eisenzeit belegen dies; ebenso Überreste der Kulturen der Kelten, der Römer, der Franken und der Alemannen, denen im Klinker je eine Straße gewidmet wurde. Über viele Jahrhunderte war unsere Heimat geprägt von der Landwirtschaft; Bauern und Bäuerinnen bestimmten das Leben im Dorf und versorgten die Bevölkerung mit Arbeit und Brot. Die Heimat in der Moderne spiegelt sich in der sogenannten Eisenbahnlandschaft wider, die sich im Zuge der Industrialisierung in Bischofsheim in besonderer Weise entwickelt hat. Genau zu diesen drei Phänomenen (historische Herkunft, agrarische Kultur und die strukturverändernde Bahn) haben sich die Macher dieses Museums vor 25 Jahren entschieden, Ausstellungen zu konzipieren und zu realisieren.

 

Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln als Auftrag

 

Was sind aber die Aufgaben und Ziele heimatkundlicher Forschungen, sieben Jahrzehnte nach der Gründung des HGV, 25 Jahre nach Eröffnung des Museums? In Zeiten, in denen von Zeitenwenden gesprochen wird, darf auch die Heimatforschung sich befragen lassen, ob sie noch zeitgemäß ist. Sicherlich gilt auch weiterhin das Mission Statement des Internationalen Museumsrates ICOM: „Museen und ihre Träger haben die Aufgabe, das materielle und immaterielle Natur- und Kulturerbe zu schützen und für die Gesellschaft dauerhaft zugänglich zu machen“, sicherlich gelten nach wie vor die vier von der UNESCO definierten musealen Aufgaben des Sammelns, Bewahrens, Forschens und Vermittelns; und sicherlich gelten auch immer noch Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“, hier und heute nur als Kurzfassung des Gedichtes, das der Dramatiker 1935 im dänischen Exil zu Papier brachte: „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon? Wer baute es so viele Male auf? (…) Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war, die Maurer? (…) Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? (…) Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte. So viele Fragen.“

 

Worum geht es Brecht und worum soll es in der Geschichtsschreibung gehen? Es geht darum, die historischen Berichte durch Hinterfragen immer wieder neu zu bewerten und insbesondere die Menschen in den Mittelpunkt der Forschungen zu stellen. Das muss mehr und mehr ein wesentlicher Auftrag von moderner Museumsarbeit werden. Gerade Heimatmuseen könnten hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten. Artefakte wie Waffen und Werkzeuge aus der Vor- und Frühgeschichte wurden von unseren Vorfahren geschaffen. Wie sahen aber die Menschen damals aus, die sie herstellten und nutzten und wie lebten sie? Was wissen wir über die Arbeit, Kleidung und Nahrung der Bauern und Bäuerinnen? Was waren die Lebensumstände in der Industrialisierung und wie war ein Häuschen der Tagelöhner eingerichtet? Ausstellungen sollten, meiner Meinung nach, zukünftig mehr den Menschen in den Mittelpunkt stellen, nicht nur die Objekte, sondern sie – im besten Falle – im Verhältnis zu den Subjekten zeigen. Seit der Erfindung der Fotografie haben wir hierzu Dokumente, aus der Zeit davor vielleicht Beschreibungen und Zeichnungen; moderne Museumsdidaktik und Ausstellungskunst nutzt zudem die bildhafte Rekonstruktion in unterschiedlichen Medien.

 

Soweit das Grundsätzliche, jetzt fehlt noch die Konkretion. Wohlwissend, dass ein Museum, wie das in Bischofsheim, ebenso ehrenamtlich betreut wird, wie die anderen mehr als 5000 Heimatmuseen in Deutschland, bedarf es zukünftiger konzeptioneller Überlegungen. Und dazu bräuchte es auch hauptamtlicher Begleitung für das Forschen und Vermitteln. Denn Geschichte geschieht zu jeder Zeit, und was wir jetzt für unser kulturelles Gedächtnis sichern, dient der Zukunft unserer Gesellschaft. Wer jetzt noch Auskunft geben kann, sollte befragt werden, was jetzt noch durch Oral History dokumentiert werden kann, sollte archiviert werden, was jetzt noch auf Speichern und Kellern verstaubt, sollte vor Verfall und Entrümpelung gerettet werden. Voraussetzung ist, dass sich auch das Bischofsheimer Museum auf das beschränkt, was die lokale Geschichte geprägt hat und prägt. Und deshalb hier drei Arbeitsfelder, gewissermaßen als beispielhaftes Modell für die Heimatforschungen des nächsten Vierteljahrhunderts.

 

Erstens: Inside Bischofsheim.

Phänomene des gesellschaftlichen Lebens in einer Gemeinde

 

Noch gibt es Zeitzeugen, aus der Nachkriegszeit, zu Flucht, Vertreibung und Migration und zur demokratischen Entwicklung (Dank an den Gemeindearchivar, dass er auch die Namen aller politisch Engagierten zusammengetragen hat; denn bisher fanden in den Heimat- und Geschichtsblättern immer nur die Bürgermeister Erwähnung). Bürgerbewegungen wie der Widerstand gegen die Startbahn West, den europäischen Kulturaustausch, der Wandel von Geschäften und Gastronomie, Fassenacht in Bischofsheim und die Bischemer Kerb gehören auf die Agenda der Heimatforschungen. Aus gewöhnlich gut unterrichten Kreise ist zu vernehmen, dass dem HGV demnächst ein weiterer Raum hier im Museum zur Verfügung steht, der eine neue, dann die vierte Dauerausstellung beherbergen könnte. Und wenn es darum gehen sollte, das zu präsentieren, was die Menschen hier in besonderer Weise gemeinsam gepflegt haben, dann ist das Leben in Vereinen. Da gäbe es viel zu erzählen, viel zu zeigen und noch viel mehr in den Kisten und Kasten der lokalen Vorstände zu finden.

 

Zweitens: Feste feiern, wie sie fallen.

Jubiläen und Jahrestage als Anlässe der Geschichtsschreibung.

 

Vorletzte Woche kamen zum Abschluss des 1. Bischemer Kultursommers mehr als 150 Menschen zu Schubert-Liedern in der Schubert-Straße zusammen. Anlass war der 225. Geburtstag des Komponisten, nach dem bei uns in den 1920er Jahren eine Straße benannt wurde. Die meisten kamen, um Ihrem Gesangverein zuzuhören, aber alle konnten an diesem Abend mehr über den Erfinder des romantischen Kunstliedes in Erfahrung bringen. Es gibt immer wieder Anlässe, Feste zu feiern. Eine gute Tradition, die sich die Gemeinde zu Nutze machen sollte. 2025 beispielsweise wird das Büchereiwesen 75 Jahre alt, vor 75 Jahre wurde der HGV gegründet und wir könnten den 150. Geburtstag des Gewerkschafters Dr. Hans Böckler feiern; denn wer weiß heute noch, wer der Siedlung jenseits der Bahn den Namen gegeben hat? 1925 wurde Heinz Langer geboren, Lehrer und Maler, dessen Werk und Wirken 2025 zum Hundertsten durch eine Ausstellung gewertschätzt werden sollte. Und ein Jahr später gilt es 100 Jahre Christkönig, den großartigen Kirchenbau, zu begehen.

 

Drittens: Hands on.

Das Museum außerhalb des Museums.

 

Vor kurzem hat der Gemeindevorstand auf meinen Antrag hin beschlossen, eine Geschichtswerkstatt in Fortsetzung des Projekts „Die Mainspitze unterm Hakenkreuz“ zu ermöglichen und zu begleiten sowie folgende konkrete Vorhaben zu fördern: die Konzeptionierung und Vergabe von weiteren Rechercheaufträgen zur Erforschung der Zeit von 1933 bis 1945 in der Kommune in Zusammenarbeit mit dem Heimat- und Geschichtsverein sowie die Einrichtung und Förderung einer temporären Arbeitsgruppe mit dem Auftrag, das Projekt „Stolpersteine“ in Zusammenarbeit mit dem Künstler Günther Demnig zu realisieren und solche dort zu verlegen, wo jüdische Mitbürger gelebt haben, die von den Nationalsozialsten verfolgt, vertrieben und ermordet wurden.

 

Denn Geschichte muss nicht immer nur im Museum stattfinden. Davon zeugen seit Anfang dieses Jahres auch sieben Tafeln auf dem Ortsdamm zur Dorfgeschichte. Davon zeugt auch ein Römischer Weihestein inmitten einer Skulptur von Ludwig Gützkow, den sich der HGV selbst zum Geschenk macht und der demnächst seinen Platz im Hessenring finden wird. Davon zeugen demnächst Infotafeln an Straßenschildern, die über die Persönlichkeiten Auskunft geben, nach denen in Bischofsheim eine Straße benannt wurde. Auch das ein Beschluss des Gemeindevorstands. Und ein Beschluss steht noch aus: Der Kauf des Lehrstellwerks am Alten Bahnhof. Im Rahmen der Bebauungsplanung hat die Gemeindevertretung einen Durchführungsbeschluss gefasst, der sowohl dieses Gebäude, als auch unser Wahrzeichen, der Wasserturm, und den Waggon des Bahnsozialwerks umfasst. Die Gemeinde ist somit für die denkmalgeschützten Objekte zuständig und muss sie zukünftig in Zusammenarbeit mit dem HGV zu neuem Leben erwecken. Die Geschichten der Eisenbahner und ihrer Familien könnte erzählt werden. Der restaurierte Wasserkran könnte ebenso wie die diversen Lichtzeichenanlagen der Bahn aufgestellt werden. Die Bezeichnung Eisenbahnlandschaft Bischofsheim hätte dann endlich einen Ort, und wäre ein Juwel in der Route der Industriekultur.

 

Es gibt also viel zu tun. Packen wir das? Ich wünsche es uns allen, den Bürgerinnen und Bürgern und ihrem Heimat- und Geschichtsverein, den Ehrenamtlichen in der Politik und den Hauptamtlichen in der Verwaltung; denn keine Zukunft ohne Vergangenheit, unsere Heimat ist und bleibt Lebensmöglichkeit und das Museum ein Hort der Geschichte, um darüber nachzudenken.

 

 

Professor Dr. Wolfgang Schneider ist emeritierter Universitätsprofessor für Kulturpolitik, Erster Beigeordneter der Gemeinde Bischofsheim und kooptiertes Mitglied im Vorstand des Heimat- und Geschichtsvereins.


„Lokale Geschichte als lebendige Erzählung“

Das Museum Bischofsheim feiert 25-jähriges Jubiläum

Ein Interview mit Professor Dr. Wolfgang Schneider

 

Das Museum Bischofsheim begeht demnächst sein 25-jähriges Jubiläum. Was weißt du von der Idee, die bei der Entstehung dahintersteckte?

 

Es waren die Gründerväter des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV), die sich in der jungen Bundesrepublik Deutschland zusammenfanden, um über die Aufgaben der Heimatforschung nachzudenken. Im Gemeindearchiv habe ich einen Vortrag von Diplom-Ingenieur Heinrich Lanius gefunden, den er bei einer „Besprechung“ zur Gründung des Vereins gehalten hat und in dem er – auch im Namen des evangelischen Pfarrers Dr. Heinrich Steitz – „im Rahmen eines Gesamtplanes“ zur „Vertiefung der Heimatidee“ ausdrücklich die „Bergung von Geschichtsfunden und die Schaffung eines Heimatmuseums“ vorschlug.

 

Wie kam es Jahrzehnte später zur Realisierung des Projektes?

 

Auch hierzu gibt es Dokumente. Ich zitiere aus einer Ausgabe des Lokal-Anzeigers von 1986: „Auf Initiative der Bischofsheimer Jungsozialisten soll gegenüber der ev. Kirche, im Hause Darmstädter Straße 2, ein Heimat- und Geschichtsmuseum eingerichtet werden.“ Es folgte in der Tat ein Antrag der SPD-Fraktion in der Gemeindevertretung, der mit der absoluten Mehrheit der Sozialdemokraten angenommen wurde. Bürgermeister Berthold Döß nahm sich des Projektes an und zusammen mit einem Team um den damaligen Vorsitzenden des HGV, Uli Thon, konkretisierte sich die Initiative mit öffentlichen Mitteln. Es ging und geht um die lokale Geschichte als lebendige Erzählung.

 

Aus dem alten Rathaus wurde das neue Museum

 

So ganz unbeteiligt warst du offensichtlich nicht, sowohl was die Idee betrifft als auch die Auswahl des Objektes, das sich im Besitz deiner Verwandtschaft befand!

 

Das sogenannte alte Rathaus diente von 1649 bis 1874 auch als Schule, war von 1874 bis 1948 Bürgermeisterei und wurde von meinem Großonkel, ortsbekannt als Bauer Reith, der mit seiner Familie in der Hofreite neben an wohnte, 1962 von der Stadt Mainz käuflich erworben. 1970 wurde von ihm das „total verwahrloste Gebäude“ instandgesetzt, wie der Lokal-Anzeiger mit Foto berichtete. Es diente über viele Jahre als Wohnung für viele Familien. Als die hygienischen Verhältnisse nicht mehr zeitgemäß waren, stand das Haus erneut zur Disposition. Meine zunächst familiären Gespräche waren nicht so sehr erfolgreich, was den Kauf des alten Rathauses durch die Gemeinde betraf. „Enn Bauer verkeeft nix!“ formulierte „Onkel Ernst“ in bekannter Manier zwischen Bauernschläue und Chuzpe seine Haltung. So kam es immerhin zu einer Erbbaupacht für 99 Jahre, die später von seinem Sohn und Erben Günther übernommen wurde.

 

Die Idee war geboren, das Haus im Besitz der Gemeinde und wie ging es dann mit dem Museum kommunalpolitisch und konzeptionell weiter?

 

Im Haushalt 1990 wurden 800.000 DM eingestellt (gegen die Stimmen der Opposition von CDU, Galb und FDP), um das alte Rathaus von Grund auf zu renovieren, Fördermittel des Programms „Einfache Stadterneuerung“ des Landes Hessen in Höhe von 750.000 DM beantragt und bewilligt. Es dauerte jedoch noch Jahre von der Planung über die Ausschreibung und Vergabe der Bauarbeiten bis zu deren Realisierung, um die Odyssee der heimatkundlichen Ausstellung von den Gängen in der Theodor-Heuss-Schule über die Verlegung der Vitrinen ins neue Rathaus und zuletzt in die Gutenbergschule zu beenden. 1996 übergab Architekt Dieter Renth das sanierte Anwesen an die Gemeinde und die treuhänderisch das alte Rathaus in die Hände des HGV. Norbert Haus, damals Vorsitzender des Ortsgewerbevereins begrüßte die Initiative der Kommune und die Beschäftigung lokaler Handwerksbetriebe.

 

Ausstellungen zu Frühgeschichte, Eisenbahn und Landwirtschaft

 

Das unter Denkmalschutz stehen Fachwerkhaus musste sachgerecht erneuert werden, ist als geschichtsträchtiges Haus ein Blickfang mitten im Ort, sollte aber auch von Anfang an die Zugänglichkeit der Bevölkerung zur Geschichtsvermittlung möglich machen!

 

Das Haus an sich ist ja eine Art Museum; denn es zeigt auch die einstige Bauweise in Bischofsheim. Das neue Gebälk ist beispielsweise nach traditioneller Zimmermannsart mit Schlitz und Zapfen eingefügt worden. Innendrin konnten auf fast 300 Quadratmetern die Präsentationen gestaltet werden. Der alte Ratssaal ist mit einer Deckenbemalung versehen worden und dient als Veranstaltungsraum. Das Erdgeschoß zeigt die Vor- und Frühgeschichte des Ortes, im ersten Stock ist ein großer Raum der Eisenbahngeschichte gewidmet und unterm Dach erinnern viele Exponate auf die landwirtschaftliche Historie. Verdienste haben sich viele Ehrenamtliche erworben, beispielsweise Georg Böhm mit seinen Expertisen zur Bahn, Waldemar Bertsch, der die grafische Gestaltung und das Logo entwickelte. Die Heimat- und Kulturpfleger Peter Kolmar und Bernd Schiffler haben das Projekt hauptamtlich vorangebracht.

 

Und dann kam die Eröffnung zum Tag des offenen Denkmals Mitte September 1997. Was gibt es darüber zu berichten?

 

Nur ein Jahr nach der Wiederherstellung des alten Rathauses konnte das Museum feierlich als „Haus der Bischofsheimer Geschichte“ eingeweiht werden.  Professor Dr. Ernst-Erich Metzner hielt im Festzelt hinter der Evangelischen Kirche einen Vortrag über den „Bischofsheimer Wald in der sogenannten Fünf-Dorf-Mark. Zum Namen und Alter der Untermainorte Bischofsheim, Seilfurt, Rüsselsheim, Raunheim und Flörsheim“, der Gesangverein Germania rahmte die Eröffnung musikalisch. „Ein Oldie-Abend der Extraklasse“ versprach die Gruppe Traudl mit Bernd Claas und Jutta Hillebrecht und „Dixieland vom Feinsten“ Sigi‘s Jazzmen aus der Nachbargemeinde. In den „Bischofsheimer Geschichtsblättern“ ist zudem nachzulesen, was sonst noch geboten wurde: „Präsentation einer mit Holzbefeuerung angetriebenen Dampfmaschine, die eine Dreschmaschine in Funktion setzt“ sowie eine „Vorführung von handwerklichen Tätigkeiten aus römischer Zeit des Geschichtsvereins Groß-Krotzenburg“.

 

25 Jahre später, wiederum am Tag des offenen Denkmals soll das Jubiläum am 10. und 11. September gefeiert werden. Mit welchem Programm?

 

Am Samstag ist auf Einladung ein Festakt mit Grußworten und Gesprächen geplant, sonntags gibt es für alle Kaffee und Kuchen sowie Führungen durch die Sammlungen und entlang der Tafeln auf dem Ortsdamm. Ein besonderes Ereignis ist die Einweihung eines römischen Weihesteins im Hessenring. Nach dem schmerzlichen Verlust durch den Tod des langjährigen Vorstandssprechers des HGV, Volker Schütz, soll es dieses Mal keine Unterhaltungsmusik geben, aber im Sinne des Verstorbenen ein Weiterdenken von Sammlungsaufgabe und Ausstellungskonzeption, um das Museum als kulturelles Gedächtnis zukunftsfähig zu machen.

 

Auch darüber werden wir in „Neues aus der Mainspitze“ berichten, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Axel Schiel.

 

Professor Dr. Wolfgang Schneider ist Kulturwissenschaftler, seit fünfzig Jahren in der Kommunalpolitik engagiert, derzeit als Erster Beigeordneter sowie Vorsitzender Kulturkommission und ist Mitglied des Vorstandes des HGV

 

 



Quelle: Ralph Keim. Allgemeine Zeitung, Mainz, Jan.2022


Quelle: Allgemeine Zeitung, Mainz


Quelle: Allgemeine Zeitung, Mainz




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